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Die drei Feldmarschalls

Description:  Novella by Karl May
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Die drei Feldmarschalls


Eine bisher unbekannte Episode
aus dem Leben des ”alten Dessauer”


1

Es war eine schlimme Zeit für Deutschland und ganz besonders auch für die Bewohner der brandenburgisch-hannoverschen Grenze. Friedrich der Große hatte gegen Maria Theresia von Oesterreich losgeschlagen. Kurfürst Georg August von Hannover, der als Georg II. auch König von Großbritannien war, hielt es als Reichsfürst und Garant der Pragmatischen Sanktion für seine Pflicht, gegen Preußen Front zu machen. Darum erhielt der Feldmarschall Fürst Leopold von Anhalt-Dessau von Friedrich die Ordre, Brandenburg gegen einen Einfall Georgs zu schützen und legte längs der Scheidelinie zwischen den beiden Ländern seine >Buntröcke< auf die Lauer, die, in einer langen Kriegsschule gestählt und abgehärtet, nicht sehnlicher wünschten, als hinüberstürmen und neuen Ruhm zu dem alten erwerben zu dürfen.

Leider ging dies nicht so schnell, als sie es erwarteten. Der Befehl lautete nicht auf Offensive, sondern nur auf den Schutz der Grenze; Leopold durfte also nicht, wie er gern wollte. Das wußten die Hannoveraner sehr wohl und darum fühlten sie sich sicher. Sie blinzelten lustig hinter den Marksteinen herüber, huschten zuweilen auch etwas weiter als ratsam war, in das feindliche Gebiet hinein und trieben dabei allerlei Schabernack, der ganz geeignet war, die Geduld der Preußen auf eine harte Probe zu stellen.

In der an der Löcknitz und ungefähr eine halb Stunde von der Elbe gelegenen Stadt Lenzen im Kreise Westpriegnitz des Regierungsbezirks Postdam war Wochenmarkt. Die Bauern der Umgegend strömten schon am frühen Morgen herbei, um den Erlös für ihre Feld- und Gartenfrüchte zum Ankauf derjenigen Notwendigkeiten zu verwenden, welche ihnen auf ihren Dörfern nicht geboten wurden.

Sämtliche Gasthöfe und Schankwirtschaften des Ortes waren stark besucht: nirgends aber waren die Tische so dicht besetzt wie in dem >Blauen Stern<. Dort verkehrten die Landbewohner am liebsten, weil Fährmann, der Wirt, stets für ordentliche Stallung und gutes Futter sorgte, alle Neuigkeiten zu erzählen wußte und neben den besten Speisen und Getränken auch dieses und jenes zum Vorschein brachte, was einem klugen und verschwiegenen Manne von Nutzen sein konnte. Er stammte aus dem hannoverschen Lüchow, hatte viele alte Beziehungen über die Grenze hinüber und galt unter seinen näheren Bekannten für einen Mann, dem die berühmte Streusandbüchse des heiligen römischen Reiches deutscher Nation nicht gar sehr an das Herz gewachsen sei.

In der hintersten Ecke der Schankstube, da, wo der Familientisch des Gastgebers stand, saß ganz allein eine kurze, dicke Gestalt, welche mit gelangweiltem Blick den Bewegungen Fährmanns folgte, der es sehr eilig hatte, die zahlreichen Gäste zu befriedigen. Schon einigemale hatte er beruhigend herübergewinkt oder im Vorbeistreifen ein halblautes ”Ich komme gleich!” gerufen, war aber zu sehr in Anspruch genommen, um bald Wort halten zu können.

Da endlich erhob sich der Dicke, griff nach Stock und Kopfbedeckung und rief: ”Wirt, bezahlen!”

Jetzt holte Fährmann seine Frau zur Stellvertretung aus der Küche und trat dann herbei. ”Ist's denn gar so eilig zumal?” zürnte er laut. ”Könnt' doch wohl warten, bis man die Hand frei hat!” Leise aber setzte er, das Geld in Empfang nehmend, hinzu: ”Hast Neuigkeiten?”

”Ja.”

”Geh' in die Scheune, da ist's sicher! Ich komm' gleich nach.”

Der Dicke verließ grüßend die Stube. Fährmann ließ einige Minuten vergehen, ehe er ihm durch die Küche folgte.

Kaum aber hatte er die Thüre hinter sich, so bewegte sich auf dem Kanapee hinter dem Tische eine Gestalt, welche bisher laut schnarchend dort gelegen hatte, rieb sich gähnend die Augen, erhob sich langsam und unsicher und stolperte dann wie noch halb schlaftrunken durch die Reihen der Gäste hinaus auf den Flur. Dort angekommen, sah sie sich vorsichtig um. Es war ein junger, hochgewachsener und breitschulteriger Mann von ungewöhnlich kräftiger Körperbildung. Als er sich unbeobachtet sah, verschwand sofort der schläfrige Ausdruck aus seinem Gesicht, die muntern Augen leuchteten befriedigt auf; mit einigen raschen Schritten trat er in den Hof und von da in den Pferdestall. Er schien zu wissen, daß dieser durch eine wenig oder gar nicht gebrauchte Thüre mit der Scheune in Verbindung stand.

Es befand sich kein Mensch im Stalle. Leise und vorsichtig zog er die Thüre auf und lauschte. Ein kaum vernehmliches Geflüster überzeugte ihn, daß die heimliche Unterredung auf der Tenne stattfand und er also ungesehen in denjenigen Teil der Scheune treten konnte, der von der Tenne gewöhnlich durch eine Bretterwand getrennt wird und den Namen Pansen zu führen pflegt. Er that es, zog die Thüre hinter sich zu und schlich sich mit unhörbaren Schritten an den Verschlag, hinter welchem die beiden standen. Er konnte jedes Wort vernehmen.

”Hier hast du das Geld, Fährmann! Einundzwanzig Thaler für einundzwanzig Rekruten, die du uns zugeschwenkt hast. Zähle sie durch; es geht im Finstern.”

Das Scheunenthor war geschlossen, so daß es ziemlich dunkel in dem Raume war. Ein leises, silbernes

Klingen ließ sich vernehmen; dann klang die gedämpfte Stimme des Wirtes: ”Das Geld ist richtig. Soll ich fortfahren mit der Sendung?”

”Das versteht sich! Der Major von Zachwitz, der auf dem Schlosse liegt, ist sehr zufrieden mit den Kerls, die er von dir bekommen hat. Er will mehr haben und zahlt gern zwei Thaler für den Kopf, die wir dann teilen, du und ich. Das ist ein gutes Geschäft, von dem wir, wie es eingerichtet ist, keinen Schaden, sondern nur Gewinn haben können. Am liebsten sind ihm natürlich ausexerzierte Leute, für die er das Doppelte bietet. Kannst du denn nicht zuweilen auch so etwas schicken?”

”Will's versuchen; wir haben ja zumal die ganze Stadt jetzt voll solcher Kerls, denen es gar nichts schaden kann, wenn sie des Königs Rock mit dem kurfürstlichen vertauschen.”

”Und was ich dir noch sagen wollte: könnten wir zuweilen einen Offizier im stillen kapern, so gäbe es ein Gaudium, von dem dein Beutel auch seinen Teil bekommen würde. Man kann so einen Herrn zwar nicht in der Weise zur Verwendung bringen wie einen Gemeinen; aber gefangen ist er doch und wird gezwungen, Neutralität zu schwören.”

”Das geht nicht, Hämmerlein. Ich kann doch unmöglich einen Offizier mit einem Auftrage zu dir über die Grenze hinüberschicken. Ich möchte nur sehen, wie der mich zumal andonnern würde!”

”Hast recht; aber geht's nicht so, dann geht's auf andere Weise. Es schleichen genug dieser Herren die Grenze auf und ab, um die Patrouillen zu überwachen und zu rekognoscieren, wie sie's nennen. Wie du es anfängst, das ist deine Sache; aber du könntest sicher manches erlauschen und sofort Nachricht senden. Meinst du nicht?”

”Hm, will's versuchen. Die Hauptsache ist, daß es auch etwas abwirft!”

”Darüber mach' dir nur keine Sorgen. Und überdies solltest du schon um der Anna willen gut zu mir halten. Sie ist das einzige Kind, und dein Ludwig findet sicher im ganzen Lande keine bessere Gelegenheit.”

”Laß das gut sein, Fährmann. Ich will ihr den preußischen Wachtmeister schon versauern, daß ihr der Appetit nach ihm vergeht! Sie ist sonst nicht ohne Verstand und Ansicht; sie wird sich gewiß noch geben.”

”Ist er denn gar ein so ansehnlicher Kerl, daß er einem Mädchen wie der Anna den Sinn ganz und gar verdrehen kann?”

”Hübsch ist er, das muß man ihm lassen; lang, breit, stark wie ein Goliath, und dazu Courage im Leibe wie kein Zweiter. Er soll auch beim alten Dessauer gewaltig gut angeschrieben sein und zu allerlei Dienst benutzt werden, wozu Mut und Körperkraft erforder-

lich [erforderlich] ist. Das hat er beides in gutem Maße und ist noch obendrein schlau und listig wie ein Fuchs; das habe ich ja selbst schon oft erfahren.”

”Wie so?”

”Ja, das ist ja eben mein Aerger. Denke dir nur, er weiß, daß ich ihm nach dem Leder trachte, und kennt auch die sonstigen Gefahren sehr genau, die es drüben für ihn giebt. Dennoch wagt er sich öfters hinüber, wo er dann nicht nur hinter meinem Rücken mit dem Mädchen schameriert, sondern oft auch so dreist ist, bei mir einzukehren und ein Bier zu verlangen.”

”So laß ihn doch festnehmen! Das gäbe zumal gleich einen Ausexerzierten und schaffte ihn dir sofort vom Halse.”

”Das ist bald gesagt, aber nicht so leicht gethan wie du denkst. Er ist so stark, daß er es mit einem halben Dutzend kräftiger Kerls gern und gut aufnimmt. Auch kommt er nur dann herein, wenn er sicher ist, keine Uebermacht zu finden. Schicke ich dann heimlich nach Succurs, so ist er plötzlich fort wie weggeblasen, und ich habe den Aerger und das Nachsehen.”

”So laß ihn verfolgen, zumal er doch nicht verschwinden kann!”

”Hab's öfters versucht, hilft aber nichts; denn er ist in Wustrow zu Hause und kennt die Gegend wie seine eigene Tasche. Ist er einmal fort, so will ich den sehen, der ihn findet! Ein einziges Mal nur ist er von einem Korporal und noch Zweien auf dem Heimwege gefaßt worden. Und was war die Folge? Er hat die Drei durchgebläut, daß ihnen der Verstand vergangen ist, und sie dann mit ihren eigenen Waffen vor sich her und über die Grenze getrieben, wo man sie in preußisches Tuch gesteckt hat.”

”Da ist er ja ein ganz verzweifeltes Subjekt, das ich wahrhaftig gern einmal sehen möchte. Aber jetzt muß ich hinein. Hast du noch etwas zu sagen?”

Der Lauscher fand es geraten, sich jetzt zurückzuziehen. Er schlug denselben Weg ein, welchen er gekommen war, gelangte glücklich wieder in den Flur und trat mit verschlafenem Gesicht, anscheinend müde, in die Stube, wo er einen Schluck aus seinem Glase nahm und dann, wie vorhin, in abgewendeter Lage und das Gesicht unter die vorgestreckte Hand verbergend, sich auf das Kanapee streckte.

Der bald zurückkehrende Wirt schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit; er war gewohnt, dergleichen verschlafene Gesellen bei sich zu sehen, und hatte mit den anderen Gästen genug zu thun.

Da öffnete sich die Thüre, und es trat ein Mann ein, der mit raschem Blick den Raum überflog und den hintersten Tisch als den einzigen erkannte, an dem noch Platz zu finden war. Mit langen Schritten wand er sich durch die Menge der Gäste und ließ sich auf demselben Stuhle nieder, den der geheimnisvolle Dicke vorher eingenommen hatte.

Die Anwesenden konnten nicht umhin, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken, deren Grund in der überraschenden Aehnlichkeit lag, welche er mit dem Wirt hatte. Beide waren lang und hager, aber sehnig gebaut; beide hatten die Sechzig jedenfalls überschritten, trugen denselben dunklen Schnurrwichs und konnten infolge ihrer beiderseitigen Gesichtszüge leicht für Brüder gelten. Der neu Angekommene trug einen blauleinenen Kittel, hatte eine dickstielige Lederpeitsche über die Schulter geschnallt und mußte trotz der frühen Tageszeit schon einen ansehnlichen Weg zu Fuß zurückgelegt haben; denn die wohlgeschmierten Aufziehstiefel, welche die ganze Länge seiner Beine bedeckten, waren bis über die Kniee herauf mit Staub und Schmutz bedeckt.

”Heda, Wirtschaft!” rief er, als er nicht sofort nach seinem Begehr gefragt wurde, ”soll man hier im 'Blauen Stern' etwa verdursten?”

”Nur sachte da hinten,” antwortete Fährmann; ”oder glaubt Er vielleicht, daß ich nur auf Ihn gewartet hab'?”

”Räsonniere Er nicht, sondern spute Er sich ein wenig, damit ich einen Krug Frisches bekomme!”

Bei dem Klange dieser tiefen, dröhnenden Stimme war der auf dem Kanapee Liegende zusammengezuckt, hatte aber seine Stellung ruhig beibehalten.

”Da hat Er sein Bier,” meinte Fährmann, den Krug vor den Gast hinstellend, ”und nun wird Er wohl zufrieden sein?”

”Wenn der Trunk gut ist, ja; sonst aber kann Er seine Brühe selber trinken.”

Er kostete, schnalzte wohlgefällig mit der Zunge und leerte dann das Gefäß in einem Zuge. ”Noch einen!” befahl er schmunzelnd.

”Nun, schmeckt's?”

”Besser, als man es bei Ihm denken sollte.”

Fährmann holte das Verlangte und nahm sich dann Zeit zu einigen neugierigen Fragen. Der Unbekannte schien ihm Interesse einzuflößen.

”Er muß schon weit gelaufen sein, daß Er einen solchen Durst hat. Man sieht es auch an Seinen Stiefeln. Woher des Wegs, he?”

”Weither.”

”So, da ist man zumal so klug wie vorher! Und wohin die Reise?”

”Weiterhin!”

”Donnerwetter, Alter, Er ist verteufelt kurz angebunden!”

”Kann Ihm nichts schaden.”

”Meint Er? Ihm wär's vielleicht auch mehr von Nutzen, wenn Er zumal auf eine gut gemeinte Frage etwas reputierlicher antwortete. Man sieht und hört es Ihm doch gleich an, womit Er umgeht.”

”Ach! Nun, womit denn?”

”Doch nur mit dem lieben Vieh.”

”Da hat Er recht; denn eben jetzt habe ich diesen lieben Umgang. Er ist ein großer Scharfsinn, hört Er!”

”Pah! Wer täglich einige hundert Gäste bei sich sieht, der kennt den Viehhändler schon auf eine halbe

Stunde weit. Er will wohl nach der Lenzerwische, um Pferde oder Rinder einzukaufen?”

”Fällt mir gar nicht ein! Habe eine ganze Herde in Perleburg losgeschlagen und will nun ledig hinüber nach Clenze, wo ich zu Hause bin,” antwortete er mit einem eigentümlichen Zucken der Bartspitzen.

”Da ist Er also ein Hannoveraner?” fragte Fährmann, indem er sich einen Stuhl herbeizog und seinem soeben eingetretenen Sohne ein Zeichen gab, sich einstweilen der anderen Gäste anzunehmen. ”Und in Clenze daheim? Da stammen wir ja gar nicht weit auseinander; meine Heimat ist Lüchow. Hat Er auch einen guten Paß, um zumal unangefochten durch die Sperre zu kommen?”

”Paß? Hm, woher soll ich ihn haben? Werde schon ohnedies hinüberkommen.”

”Da täuscht Er sich gewaltig!” Der Wirt senkte den Kopf etwas tiefer, um von keinem anderen gehört zu werden, und flüsterte, nachdem er sich mit einem Blicke auf das Kanapee überzeugt hatte, daß der dort Liegende fest schlafe: ”Wäre Er eher gekommen, so hätte sich Ihm eine gute Gelegenheit geboten, glücklich zu passieren.”

”Wie so?”

”Es war einer da bei mir, der alle Schliche kennt und Ihn gern mitgenommen hätte. Ich sage Ihm das, weil Er mein Landsmann ist und den Postdamer Flötenspieler gewiß auch nicht leiden mag.”

”Hm, Er ist ja ein guter Patriot! Wer ist es denn, der hier gewesen ist? Vielleicht ist mir der Mann auch bekannt; ich kenne die Sorte, zu der Er gehört, so ziemlich genau.”

”Wirklich? Ja, die Kurfürstlichen sind brave Leute und halten immer sehr gut zusammen. Ich kann Ihn gleich einmal auf seine politische Meinung prüfen, und wenn Er den Mann kennt, den ich zumal meine, so darf man Vertrauen zu Ihm haben. Er ist ein Gastwirt aus einem Orte an der Zehre. Nun?”

”Himmelelement, wohl gar der Hämmerlein aus Gartow, he?”

”Wer soll's denn anders sein? Er kennt ihr? Woher denn, wenn ich fragen darf?”

”Hm, ich weiß nicht, ob ich es Ihm sagen kann.”

”Warum denn nicht, he?”

”Weil's gefährlich ist. Der Hämmerlein hat so ein kleines Geschäft mit Leuten, die für einen hübsch gewachsenen Burschen immer ein gutes Auge haben, und ich bin gar oft - hm, versteht Er mich?”

”Vollkommen. Und da es so steht, will ich Ihm einen Weg beschreiben, auf dem er bequem hinüberkommt, ohne belästigt zu werden.” Er griff in die Tasche und versuchte, seine Beschreibung durch eine auf die Tischplatte geworfene Zeichnung anschaulicher zu machen, die er mit der Kreide so geläufig ausführte, daß man merken mußte, er sei den betreffenden Weg schon oft selbst gegangen. ”So, nun ist Er sicher, daß Ihm die Leute des alten Grobians nicht in die Quere kommen.”

”Des alten Grobians? Wen meint Er denn da?”

”Nun, den Dessauer, der voller Flüche und Grobheiten steckt, wie der Hund voller Flöhe.”

”Ach so,” klang es unter dem gewaltig zuckenden Schnurrbart hervor. ”Wenn Er ihn so gut kennt, so nehme Er sich nur in acht, daß Er ihm nicht einmal in die Tatzen läuft; dann könnte Er erfahren, was so ein Floh für eine heillose Kreatur ist.”

”Pah, vor dem alten Kerl fürchte ich mich noch lange nicht.”

”Gut für Ihn. Jetzt aber adjes und schönen Dank für Seinen guten Rat.”

Er erhob sich, bezahlte seine Zeche und schritt zur Thüre hinaus. Draußen schlug er die Richtung nach dem Marktplatz ein. Dort begegnete ihm ein junger Cornet, welcher, den einfach gekleideten und beschmutzten Mann gar nicht beachtend, sporrenklirrend an ihm vorüber wollte. Mit einem raschen Griff aber hatte er ihn bei der Achselschnur.

”Halt! Front! Augen grad' aus!” kommandierte er. ”Sage Er mir einmal, wo der Herr Oberstwachtmeister von Dennau in Quartier liegt?”

”Wer ist Er denn, Er Flegel, daß Er es wagt, einen Offiz-”

”Maul halten! Ordre pariert?” donnerte es da dem erzürnten Kriegshelden entgegen. ”Will Er Himmel-

elementer [Himmelelementer] mir wohl auf der Stelle meine Frage beantworten?”

Die Stimme des alten Viehhändlers klang so unwiderstehlich, daß der Angeschmetterte unwillkürlich den Arm erhob und, vorwärts zeigend, in kleinlautem Tone beschied: ”Dort um die Ecke, das zweite Haus links, eine Treppe.”

”Schön! Augen rechts! Rechts abgeschwenkt! Marsch!”

Das an der Thüre des beschriebenen Hauses stehende Schilderhaus ließ dasselbe als das Quartier des Platzkommandanten erkennen. Der Händler schritt an der Schildwache vorbei, stieg die Treppe empor und öffnete die erste beste Thüre, die sich ihm entgegenstellte. Zwei Unteroffiziere befanden sich in dem Raume, den er betrat.

”Wer ist Er, und was will Er?” fragte der eine ihn mit barscher Stimme.

”Ist der Herr Oberstwachtmeister von Dennau zu Hause?”

”Was will Er von dem Herrn?”

”Das geht Ihn wohl nichts an. Ich frage, ob der Herr Oberstwachtmeister zu Hause ist?”

”Und ich frage, was . . .”

”Will Er wohl sofort Seinen naseweisen Schnabel zuklappen, Er Tausendschwerenöter Er? Ich -”

”Schnabel? Naseweis?” unterbrach ihn der Unteroffizier, auf ihn zutretend und ihn beim Arme packend. ”Sofort komme Er mit herunter auf die Wache! Ich

werde Ihm den naseweisen Schnabel mit dem Stocke auf das Leder zeichnen lassen, daß . . .”

”Was ist denn das für ein heidenmäßiger Skandal hier außen?” fragte es da mit scharfem Tone in das Räsonnement hinein. Es war der Oberstwachtmeister selbst, welcher sich in seinem Zimmer mit einigen Offizieren im Gespräche befunden hatte und zornig die Thüre aufriß. ”Wer ist der Störenfried, der sich untersteht, hier in . . .”

”Der Störenfried?” meinte der Viehhändler, indem er sich herumdrehte. ”Seht ihn Euch doch einmal an, Herr Oberstleutnant!”

”Himmeldonnerw . . ., wollte sagen, bitte tausendmal um Verzeihung, Durchlaucht Excellenz! Konnte unmöglich wissen, daß . . .”

”Schon gut, schon gut! Macht aber ein andermal die Augen besser auf, ehe Ihr schimpft.”

Er trat in das Zimmer, wo ihn die überraschten Herren in strammer, vorschriftsmäßiger Haltung empfingen.

”Guten Morgen! Habt wohl nicht gedacht, daß heute solcher Besuch nach Lenzen kommt? Na, wollte 'mal sehen, wie's hier geht und steht. Habt doch gestern meine Ordre empfangen, Herr Oberstwachtmeister, was?”

Der Gefragte stand vor ihm, die kleinen Finger an den Hosennähten und steif wie ein Ladestock.

”Zu Befehl, Excellenz, ja.”

”Habt Ihr den Kerl?”

”Darf ich gehorsamst fragen, welchen Kerl?”

”Welchen Kerl? Nun, wen anders als den Hämmerlein?”

”Hämmerlein? Habe den Namen noch nie gehört. Ich bitte unterthänigst, mich zu informieren, wer . . .”

”Hämmerlein . . . nie gehört . . . zu informieren?! Da sollen doch gleich zehn Millionen Grananten dreinschlagen! Ihr habt meine Ordre erhalten und bittet unterthänigst um Auskunft über den Hämmerlein?”

”Excellenz halten zu Gnaden, ich erlaubte mir, nach Empfang der Ordre sofort den Leutnant von Wrede in das Hauptquartier zu senden, um zu sagen, daß die Ordre . . .”

”Wrede . . . Hauptquartier . . . Ordre? Warum schickt Ihr mir eine Ordonnanz, da ich doch geschrieben habe, daß ich heute selbst kommen würde? Ich wollte die Untersuchung in eigener Person führen und frage jetzt zum zweitenmale, ob Ihr den Hämmerlein habt?”

Das Gesicht des Platzkommandanten war vor Verlegenheit hochrot geworden, und die anderen Offiziere warfen sich verstohlene Blicke zu, in denen eine lebhafte Besorgnis sich nicht verkennen ließ.

”Excellenz gestatten mir gütigst” - er trat zum Schreibtische und zog ein beschriebenes Blatt aus einem dort liegenden Couvert -, ”um Durchsicht dieser Zeilen zu bitten!”

Fürst Leopold - denn dieser war es - griff nach dem Papiere, trat an das Fenster und studierte eine ganze Weile an den schauderhaften Hieroglyphen herum, die sich seinem Blicke boten. Er war nie ein Freund

und Bewunderer der edlen Schreibkunst gewesen, und Meldungen zu lesen oder gar selbst die Feder zu führen, gehörte für ihn zu den größten Strapazen des Erdenlebens. Aber so eine Schrift, wie er sie hier sah, war nach seiner Absicht gar keine menschliche, war ihm geradezu noch niemals vor die Augen gekommen.

”Was ist denn das für ein dummer Wisch, he?” fragte er endlich. ”Das sieht ja gerade aus, als hätte einer die Hände und Füße in einen Tintenbottich gesteckt und wäre dann mit allen Vieren auf dem Papier herumgekrochen. Und so eine heillose Sudelei wagt Ihr mir zum Lesen zu geben!” Seine Stirnadern begannen zu schwellen und seine Augen blitzten zornig im Kreise herum. ”Da kann kein Mensch einen richtigen Buchstaben herausfinden. Werdet mir wohl sagen, welcher Esel das geschrieben hat?”

”Excellenz, darf ich gehorsamst bitten . . .”

”Bitten? Was denn?”

”Mir zu sagen . . .”

”Zu sagen? Was denn?”

”Was diese Zeilen enthalten?”

”Was . . . diese . . . Zeilen . . . enthalten? Seid Ihr denn verrückt geworden, verrückt einer wie der andere? Ich habe Euch ja gesagt, daß kein Mensch imstande ist, unter diesen schmierigen Klexen einen vernünftigen Buchstaben zu erkennen. Oder könnt Ihr's vielleicht?”

”Nein.”

”Nicht? Und ich, der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, Feldmarschall des deutschen Reiches und Preußens, soll Schreiberdienste verrichten und Euch den schwarzen Schlamm zurechtkratzen?”

Sein Zorn war in stetem Wachsen begriffen. Er trat hart an den Oberstwachtmeister heran und fragte: ”Also welcher Essenkehrer hat sich auf dem Wische herumgewälzt, und was hat der Fetzen hier mit meiner gestrigen Ordre zu schaffen?”

”Durchlaucht, dieses Schriftstück . . .”

”Schriftstück? Eine Klexerei ist's! Nun also, diese Klexerei . . .”

”Ist von Excellenz höchst . . .”

”Alle Wetter, nur weiter! Ist von Excellenz höchst . . .”

”Höchsteigener Hand geschrieben worden.”

Der Fürst trat einige Schritte zurück, riß vor Erstaunen den Mund weit auf und sah dem Sprecher mit starrem Auge in das angstvolle Gesicht. Es dauerte eine ganze Zeit, ehe er zu sprechen vermochte: ”Ich selbst . . . mit höchsteigener Hand geschrieben! Mensch, Herr Oberstwachtmeister, meine Herren, wollen Sie sich über Ihren Feldherrn lustig machen? Wäret ihr nicht Offiziere, ich ließe euch samt und sonders auf der Stelle krumm schließen. Glaubt vielleicht einer von euch, daß ich nicht schreiben oder gar mein Geschriebenes nicht lesen kann?”

”Excellenz, niemand wird wagen, so etwas auch nur zu denken; aber . . .”

”Das will ich euch allen auch geraten haben! Also, aber . . .”

”Aber ich bitte, gütigst die Unterschrift zu bemerken. Und hier ist das Couvert!”

”Die Unterschrift? Ich unterschreibe mich doch >Leopold<; aber hier ist weder L noch e noch o zu erkennen, und das >pold< ist ganz und gar in der Tinte ersoffen. Zeigt einmal das Couvert! Hm, hm, . . . was soll denn eigentlich die Geschichte vorstellen?”

”Es ist die Ordre, welche Excellenz mir gestern sendeten.”

”Was? Meine Ordre ist's? Und die kann der Herr Oberstwachtmeister nicht lesen, die giebt Er mir zurück, daß ich ihm sagen soll, was sie enthält? Alle Sternhagel, Blitz und Granatensplitter, jetzt geht mir endlich einmal die Geduld flöten, jetzt steigt mir's in den Kopf, jetzt . . . was thue ich nur mit Euch, mit . . . mit . . .”

Mit dem Zeichen der höchsten Erregung stürmte er im Zimmer auf und ab, stampfte mit den Füßen und focht mit den Armen in der Luft.

”Excellenz, diese Schrift ist . . .”

”Ist? Nun, was ist mit ihr?”

”Ist durch die Hände des ganzen Offiziercorps gegangen . . .”

”Offiziercorps geg - - Wa - wa - wa -was?! Des ganzen Offiziercorps? Was sagt Ihr mir da? Eine Ordre, die nur an den Oberstwachtmeister von Dennau gerichtet war, ist durch die Hände . . . Him-

mel [Himmel] . . . des ganzen . . . Millionen . . . Offiziercorps gegangen . . . Hagelwetter! Und das nennt man militärische Diskretion! Na, macht Euch gefaßt, Ihr . . . Ihr . . .”

”Und keiner . . .”

”Was noch, he?”

”Hat sie lesen können.”

”Keiner? Kein einziger? Das wird immer toller!”

”Und da der Ordre doch Gehorsam geleistet werden muß . . .”

”Schwerebrett, das ist Euer Glück, das will ich mir auch ausgebeten haben!”

”So sendete ich den Leutnant sofort in das Hauptquartier, um . . .”

”Ach so, um den Befehl noch einmal schreiben zu lassen! Herr Oberstwachtmeister, nichts für ungut . . . aber . . . aber . . . o, ich gäbe gleich hundert Dukaten drum, wenn Ihr nicht Oberstleutnant, sondern . . . sondern . . . na, da ist der Befehl also noch gar nicht ausgeführt?”

”Halten zu Gnaden, nein!”

”Und das sagt Ihr mir . . . wirklich mir? Wo nehme ich heute nur diese übermenschliche Geduld her! Gebe ich da einen Befehl . . . dieser Befehl wird nicht befolgt . . . weil man nicht lesen kann . . . und nun soll ich meine eigene Ordre buchstabieren! Sagt mir doch in aller Welt, für wen sie geschrieben ist!”

”Für mich.”

”Gut! Wer hat sie also zu lesen?”

”Ich.”

”Sehr gut! Bin ich etwa der Herr Oberstwachtmeister von Dennau?”

”Nein.”

”Vortrefflich! War sie an mich gerichtet?”

”Nein.”

”Habe ich sie also zu lesen?”

”Nein.”

”Gut . . . sehr gut . . . vortrefflich! Merkt euch das, ihr Herren. Ich schreibe meine Ordres nicht für mich und habe also gar nicht notwendig, sie lesen zu können. Wer aber eine Ordre von mir bekommt und sie nicht lesen kann, der soll . . . der soll . . . hm, ja, ich bin heute nun einmal ausnahmsweise so unendlich nachsichtig und will annehmen, daß ich gestern nichts geschrieben habe. Also sollt ihr . . .”

In diesem Augenblick öffnete der diensthabende Korporal die Thüre und meldete: ”Excellenz entschuldigen, ich soll sagen, der Heinz ist da.”

”Gut. Trete Er einmal näher!”

Der Mann folgte mit niedergeschlagenen Augen dem Befehl.

”Nun, Er Himmelhund, wie steht es denn mit dem naseweisen Schnabel? Will Er ihn mir denn noch auf das Leder zeichnen lassen?”

”Durchlaucht . . . Excellenz . . . ich ahnte nicht . . . ich . . . ich . . .”

”Na, jetzt kennt Er mich und wird's wohl nicht wieder machen. Hier hat Er einen Gulden, und trinke

Er ein paar Krüge, um sich den Schnabel naß zu machen. Der Heinz soll eintreten!”

Der Soldat zog sich freudig dankend zurück und hielt den Eingang für einen Mann offen, der in parademäßiger Haltung hereinmarschierte, drei Schritte von der Schwelle entfernt die Fersen aneinanderschlug und, mit der Hand salutierend, im tiefsten Basse grollte: ”Eingetroffen zu Bedienung, Dorchlaucht!”

”Schön, Heinz! War eher da als du. Wie kommt das?”

”Der alte Bagagewagen ging auseinander. Schändliches Gerümpel, Dorchlaucht!”

”Nicht räsonnieren, Heinz. Laß dir ein Zimmer anweisen. Werde bald nachkommen.”

”Zu Befehl, Dorchlaucht.”

Er machte kehrt und marschierte ab. Der Fürst wendete sich wieder an die Offiziere.

”Meine Herren, die Kurfürstlichen werden von Tag zu Tag dreister und gebärden sich gerade so, als ob wir nur zum Spaß an der Grenze ständen. Sie haben unter unseren Augen Werbestationen errichtet, die ihre Fangarme sogar herüber in das Brandenburgische strecken, und zu meinem Bedauern muß ich hören, daß eure Wachsamkeit sich von den Galgenvögeln täuschen läßt. Es muß einmal ein Exempel statuiert werden, ein gewaltiges Exempel, und darauf bezog sich die gestrige Ordre, die . . . die der Oberstwachtmeister samt seinem ganzen Offiziercorps nicht lesen konnte. Ich habe erfahren, daß die rührigste Station im Hause des

Gastwirts Hämmerlein zu Gartow zu suchen sei, und werde, da . . . da meine Ordre nicht gelesen werden konnte, die Sache einmal in die eigene Hand nehmen. Ich gehe heute nach Gartow und . . . ”

”Excellenz,” wagte Dennau, ihn zu unterbrechen, ”bedenken doch gütigst die Gefahren, welche . . .”

”Papperlapapp! Ich gehe. Abgemacht, und nicht gemuckst! Wenn meine Offiziere sich täuschen lassen, so muß ich einmal die eigenen Augen offen halten, und überdies gehe ich in hinlänglicher Begleitung. Man lasse sofort den Wachtmeister Bellheimer von der Schwadron des Rittmeisters von Galen rufen.”

”Bellheimer? Entschuldigen Excellenz, der hat heute Morgen auf zwei Tage Urlaub erhalten.”

”Urlaub? In welcher Angelegenheit?”

”Auch uns ist das Treiben jenseits der Grenze, und besonders zwischen hier und Gartow, aufgefallen, obgleich unsere Nachforschungen leider bisher ohne Resultat geblieben sind. Bellheimer nun meldete sich gestern bei mir und versprach, der Sache ganz gewiß auf die richtige Spur zu kommen, wenn ich ihn auf zwei Tage entlassen wolle. Ich entsprach natürlich seinem Wunsche und glaube, daß er sich längst unterwegs befindet.”

”Ah . . . hm . . . braver Kerl, der Bellheimer! Kenne ihn . . . wird Wort zu halten suchen! Werde aber dennoch meinen Plan ausführen und nun ohne Begleitung gehen. Herr Oberstwachtmeister!”

”Excellenz?”

”Bin ich heut' Abend punkt neun nicht zurück, so reitet Rittmeister von Galen mit seiner Schwadron hier ab und direkt nach Gartow, besetzt sofort das Schloß und den Gasthof des Wirtes Hämmerlein, wo er mich an einem der beiden Orte wohl finden wird. Verstanden?”

”Zu Befehl, Excellenz; doch gestatte ich mir eine Wiederholung meiner dringenden Bitte, um . . .”

”Keinen Widerspruch,” klang es scharf und kurz; ”weiß ganz allein, was ich thue!” Dann fügte er in freundlicherem Tone hinzu: ”Haben die Herren schon gefrühtstückt?”

”Nein.”

”Dann laden wir uns bei dem Herrn Oberstwachtmeister zu Gast, doch nur auf Brot und Bier; zu mehrerem bleibt mir nicht Zeit genug.”

Der Offizier war über dies Wendung der für ihn so ungünstig begonnenen Unterhaltung hoch erfreut, und bald saßen die Anwesenden in respektvoller Haltung mit ihrem Feldherrn an dem frugal besetzten Tisch. An Delikatessen durfte Dennau nicht denken; er kannte den Geschmack des Fürsten.

Unterdessen machte sich Heinz in dem ihm angewiesenen Zimmer mit dem wenigen Gepäck zu schaffen, welches er für seinen Herrn mitgebracht hatte. Er war Leib- und Kammer-Husar des Fürsten und eine wegen seiner derben Gutmütigkeit und Originalität ebenso wie durch seinen oft bewiesenen Mut nicht nur in der nächsten Umgebung des Fürsten, sondern auch in allen Dessauer Landen und der ganzen Armee bekannte, geachtete und beliebte Persönlichkeit. In der Stadt Dessau geboren, war er mit Leopold in den Niederlanden, am Rhein, in Baiern, Oesterreich und Italien gewesen, hatte dessen sämtliche Feldzüge und Reisen mitgemacht. Er war ihm so lieb geworden und so mit ihm verwachsen, daß er dem strengen Herrn und Gebieter gegenüber manches sich erlauben konnte, was ein anderer bei Leib und Leben nicht hätte wagen dürfen. Dafür war er ihm auch mit ungewöhnlicher Treue ergeben; hatte um dieser Treue willen nicht geheiratet und wäre für ihn täglich hundertmal mit Freuden in den Tod gegangen.

Alle, denen der Fürst gewogen war, konnten auch auf die Freundschaft Heinrich Balzers, wie sein voller Name lautete, rechnen; und da der erstere schon öfters eine gewisse Gönnerschaft für den Wachtmeister Bellheimer an den Tag gelegt, so hatte auch Heinz ihn in sein altes Herz geschlossen und heute gleich nach seiner Ankunft nach ihm sich erkundigt. Leopold war ihm in allen Stücken ein nacheifernswertes Vorbild, und darum hielt er sich auch in seinem Aeußeren ganz seinem Herrn entsprechend. Er trug Haar und Bart gerade so wie dieser, hatte ganz dessen Gang, Haltung und Ausdrucksweise kopiert und hätte von einem, der wohl von dem 'alten Dessauer' gehört, ihn aber noch nicht gesehen hatte, recht gut für diesen gehalten werden können. Er erzählte unendlich gern von seinen Erlebnissen und fand, wenn es keinen anderen Zuhörer gab für seine Geschichten, doch stets zwei willige Ohren: seine eigenen, denen er stundenlang mit einem Eifer, als hätte er einen zahlreichen Hörerkreis um sich, vorplaudern konnte. Ebenso war es eine seiner Haupteigentümlichkeiten, daß er nie Durchlaucht sagte, sondern ein für allemal das u in ein o verwandelte.

Jetzt befand sich aber der zweite diensthabende Korporal bei Heinz, um ihm beim Ordnen der mitgebrachten Bagage hülfreich an die Hand zu gehen.

”Also der Bellheimer ist wirklich auf Urlaub?”

”Ja, zwei Tage.”

”Weiß Er vielleicht weshalb?”

”Nein.”

”Hm, ja, er macht nie viele Worte, der brave Junge. Mord-Element, hab' ihn fast ein wenig lieb und hätte ihn fürs Leben gern einmal wiedergesehen. Kann Er mir wohl sagen, ob der Wachtmeister irgendwo eine Liebste hat?”

”Nein.”

”Hm, könnte möglich sein, daß er eines Mädels wegen den Dienst im Stiche ließe. Traue ihm aber eine solche Dummheit eigentlich gar nicht zu. Hab' auch nie dran gedacht, selbst nicht in meinen jungen Jahren. Ein einziges Mal nur hätte ich mich beinahe in ein rundes Lärvchen verguckt, und das war dazumal, als wir in Baiern Anno Vier an der Donau standen, um bei Hochstädt dreinzuschlagen. Wir lagen bei einer jungen Witfrau in Quartier, ich und die Dorchlaucht nämlich; ich sage bei einer jungen, hübschen Witfrau, und die hatte, es ist Wort für Wort wahr, sogar ein Auge auf mich geworfen. Das war eigentlich auch gar nicht anders zu erwarten; denn wir waren zwei Kerls, nämlich ich und die Dorchlaucht, zwei Kerls, sage ich Ihm, lang und schlank, drall und schmuck, wie gemalt, und dazu jung, gesund und voll Race, wie ein arabischer Schimmel. Eines Tages nun stehe ich unter der Thüre und putze grad' mein Lederzeug; da kommt sie die Treppe herab und stellt sich vor mich hin mit einem Blicke, als ob ich nur rasch zuzugreifen und meinen Schnurrwichs an ihr rotes Mäulchen zu wischen hätte. Korporal, ich sage Ihm, drei Finger breit über dem Magen fing es wirklich an zur Attacke zu trommeln, und wer weiß, was alles geschehen wäre! Aber da kommt es plötzlich die Straße herauf galoppiert, hält vor dem Hause, und wer steigt ab? - eine Ordonnanz vom Prinzen Eugenius, welche den Befehl bringt, daß . . .”

”Heinz!” erscholl es da hinter dem Erzähler.Er fuhr herum, erblickte den Fürsten, welcher vom beendigten Frühstücke kam, und streckte sich sofort in die reglementsmäßige stramme Haltung. Der Korporal war bei dem Klange der tiefen Stimme augenblicklich aus der Stube verschwunden.

”Dorchlaucht?”

”Ich gehe hinüber nach Gartow.”

”Hinüber nach Gartow? Aber, Dorchlaucht, das ist ja hannöversch!”

”Thut nichts. Zum Abende bin ich wieder hier. Hast Urlaub bis dahin.”

”Urlaub? Fällt mir nicht ein. Ich gehe mit.”

”Kann dich nicht brauchen!”

”Was? Hm, möglich; aber ich kann Dorchlaucht brauchen!”

”Geht nicht; basta, abgemacht! Will mal nachsehen, was die Kurfürstlichen für Vogelbauer haben; weiß einen Weg, auf dem ich sicher hinüber und herüber komme, und treffe dabei vielleicht auf den Bellheimer, der auch hinüber ist.”

”Soll ich die Pistolen hervorsuchen, Dorchlaucht?”

”Nein; hab' genug an der Peitsche, die mit Blei ausgegossen ist. Kannst aufsitzen und mit dem Rittmeister von Galen nachkommen, wenn ich um neun noch nicht zurück bin.”

”Dorchlaucht, ich hab' niemand 'was zu befehlen; aber, Schockschwernot, viele Hunde sind des Hasen Tod. Wenn sie Euch nun packen, dann . . . na, dann komme ich hinüber, und gnade Gott dem, der mir vor den Säbel kommt! Besser aber ist's, ich gehe jetzt gleich mit.”

”Du bleibst!”

Der Ton, in welchem diese zwei Worte gesprochen wurden, war entscheidend. Der Fürst ging und Heinz verfolgte vom Fenster aus die hohe Gestalt, bis sie hinter der Ecke des Marktes verschwunden war. Er

hatte das Gefühl, als gehe sein Gebieter einem Unglück, einer großen Gefahr entgegen, und er mußte an sich halten, ihm nicht unbemerkt zu folgen.

So stand er noch lange Zeit am Fenster und blickte mit düsterem Auge auf die Straße hinab; da zuckte es plötzlich überrascht durch seine alten, treuen Züge.

”Tausend Schock . . . wer ist denn das? Ich glaube gar . . . ja, wahrhaftig, da kommt der Bellheimer gelaufen, der über die Grenze hinüber sein soll, und macht Beine, als müsse er in zwei Stunden die Lüneburger Heide messen. Der hat etwas auf dem Herzen und will damit zum Herrn Oberstwachtmeister. Wart', ich fange ich ab!”

Er öffnete die Thüre, an welcher der Kommende vorüber mußte.

”Links abgeschwenkt; zu mir herein, Wachtmeister!” kommandierte er. ”Habe mit Ihm einiges zu reden.”

”Heinz!” rief der Angeredete mit froher Miene. ”Ihr hier im Hause? Da ist Seine Durchlaucht wohl noch nicht fort?”

”Warum?”

”Weil ich auf der Stelle mit dem Fürsten sprechen muß.”

”Da kommt Er um eine Viertelstunde zu spät.”

”Also doch schon fort! Wohin? Nicht wahr, nach Gartow hinüber?”

”Ja. Woher weiß denn Er dar?”

”Nachher, Heinz? Jetzt muß ich vor allen Dingen zum Herrn Oberstwachtmeister, sonst wird der Fürst

von den Kurfürstlichen gefangen. Komme auf dem Rückwege wieder herein.”

Der Kammerhusar ergriff ihn beim Arme und hielt ihn fest.

”Halt, Bellheimer; nicht von der Stelle! Wenn der Feldmarschall sich in Gefahr befindet, so steht der Heinz über dem Oberstwachtmeister und über allen Generalen. Heraus also mit Seiner Meldung! Wer will den Herrn fangen?”

”Der Fährmann und der Hämmerlein.”

”Fährmann - Hämmerlein? Bomben-Element, wer sind denn diese Hallunken?”

”Fährmann heißt der Wirt zum >Blauen Stern< hier, und der Hämmerlein ist aus Gartow, auch ein Gastwirt.”

”Zwei Wirte? Und diese beiden Bierschlingels wollen sich an meine Dorchlaucht machen? Da werde ich zwischen sie hineinfahren, daß die Fetzen auseinanderfliegen! Wo hat Er denn die Kunde her?”

”Nachher, Heinz, nachher! Die Zeit ist kostbar; ich muß zum Platz-Kommandanten.”

Die Gelegenheit ersehend, daß Heinz seinen Arm losgelassen hatte, war er zur Thüre hinaus. Der Leibhusar wollte ihm nach, besann sich jedoch anders und riß einen Mantelsack auf, dem er zwei geladene Reiterpistolen entnahm.

”Zwei Schnapssieder - und die Dorchlaucht fangen, den Fürsten und Feldmarschall Leopold von Anhalt Dessau Excellenz? Das ist verrückt, das ist wahnsinnig, das ist Mord, Raub, Hochverrat und Majestätsüberfall. Ich laufe ihnen nach und schieße sie über den Haufen, wo ich sie nur finde! Aber warten muß ich doch, bis der Bellheimer wiederkommt. Hm, verwünschte Geschichte! So ist's, wenn man dem Heinz bis neun Uhr Urlaub giebt, statt ihn mitzunehmen, wie sich's gehört!”

Er ging mit langen, schweren Schritten hin und her, lauschte ungeduldig auf jedes Geräusch, welches sich draußen vernehmen ließ, und wühlte dazwischen ratlos in seinen Siebensachen herum nach Waffen und anderen Gegenständen, die ihm bei der Verfolgung der beiden >Schnapssieder< von nöten schienen. So war wohl über eine Viertelstunde verflossen, und der Wachtmeister ließ noch immer auf sich warten.

”Bomben und Granaten, wo bleibt nur dieser ewige Wachtmeister? Derweilen können sie meine Dorchlaucht bis zu den Mongolen schleppen! Ich glaube, denen da oben ist der Schreck in den Verstand gefahren, und nun sitzen sie beisammen und lernen das königlich preußische privilegierte Gesangbuch der guten Stadt Pasewalk auswendig! Das zieht und zerrt und wartet und dehnt, grad' wie der weise kaiserliche Hofkriegsrat zu Wien damals, als wir Anno Vier gegen die Baiern und die Franzosen marschierten. Aber der Prinz Eugen machte den langsamen Herren einen schnellen Strich durch die unendlich lange Rechnung. Es ist, als wär's wie heute: wir lagen bei der jungen Witfrau in Quartier, nämlich ich und der Fürst, die ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich weiß wahrhaftig nicht, zu was das hätte führen sollen; denn eines schönen Morgens stehe ich unter der Thüre und putze grad' mein Lederzeug, da kommt sie die Treppe herab, stellt sich vor mich hin und macht mir ein paar Augen, daß mir Hören und Sehen vergeht. Da kommt es zum Glück die Straße heraufgaloppiert, hält vor dem Hause, und wer steigt ab? - eine Ordonnanz vom Prinzen Eugenius, welche den Befehl bringt, daß ...”

Bellheimer trat ein.

”Gott sei Dank, da ist Er ja endlich wieder! Nun schieße er aber schleunigst los.”

”Muß es kurz machen, Heinz hab' keine Zeit; muß sofort mit nach dem >Blauen Stern<!”

”Nun?”

”Der Hämmerlein in Gartow macht den Seelenverkäufer, und der Fährmann schickt ihm jeden hüschen Burschen zu, dessen er habhaft werden kann. Er giebt ihm zum Scheine einen Auftrag an Hämmerlein, verspricht ihm einen guten Botenlohn, und wenn der Betrogenen dann hinüberkommt, so wird er festgehalten und muß die Muskete tragen.”

”Da soll doch gleich ein dickes Prasselwetter -”

”Der Hämmerlein hat eine Tochter, ein Mädchen wie ein Husar, und die ist meine Liebste.”

”Seine Liebste? Rappelt's etwa bei Ihm? Wer eine Liebste hat, der ist . . .”

”Mag gut sein, Heinz; muß mich kurz fassen. Ich bin also oft hinüber und habe da so manches beobachtet, was mir verdächtig schien und mich auf die richtige Spur brachte. Gestern nahm ich Urlaub auf heut' und morgen, um das Ding einmal genau zu untersuchen. Ich ging heut' in den >Blauen Stern<, that verschlafen und vertrunken und legte mich aufs Kanapee, um unerkannt zu bleiben. Da kam der Hämmerlein aus Gartow und bestellte sich beim Wirte neue Burschen, Ausexerzierte und sogar Offiziere. Habe alles gehört und belauscht. Nachher kam auch der Fürst und setzte sich an meinen Tisch.”

”Die Dorchlaucht? Donner und Doria, davon weiß ich kein Sterbenswort! Er hat Ihn doch sofort erkannt?”

”Nein, ich trug keine Uniform und verdeckte das Gesicht mit der Hand. Hatte meine Gründe dazu. Der Wirt hielt ihn für einen Viehhändler aus Clenze, wurde gesprächig und beschrieb ihm einen Schleichweg nach Gartow. Einer von den Gästen aber hatte die Excellenz erkannt und sagte es nachher. Der Wirt erschrak, besann sich aber bald und schickte heimlich seinen Sohn, der mein Mädchen, die Anna, heiraten soll, zu Pferde hinüber nach Gartow zum Major von Zachwitz, um den Fürsten aufgreifen zu lassen. Habe alles beobachtet und belauscht. Dann that ich, als ob ich erwache. Fährmann schien mich für einen verlaufenen Strolch zu halten, der gut in den kurfürstlichen Rock passe, setzte sich zu mir und bat mich endlich,

ihm ein paar Zeilen nach Gartow zum Hämmerlein zu tragen. Ich sagte 'Ja', bekam das Papier und ging, aber nicht nach Gartow, sondern zum Platzkommandanten.”

”Das ist ja eine heidenmäßige Geschichte! Wie geht denn der Weg, den der Fährmann beschrieben hat?”

”Hab' ihn schon dem Herrn Oberstwachtmeister beschrieben. Jetzt muß ich fort; der Korporal ruft.”

”Wohin denn wieder?”

”Zum 'Blauen Stern'. Der Fährmann wird arretiert. Und eine Compagnie Grenadiere ist schon unterwegs, um den Fürsten womöglich noch zu ereilen.”

Mit der letzten Erklärung eilte er hinaus. Heinz starrte mit offenem Munde die Thüre an.

”Da hat man die Bescherung! Die Dorchlaucht in die Wicken, die Kurfürstlichen über sie her! Und die Grenadiere, die nutzen nichts, reineweg gar nichts; denn der Fürst hat Beine wie ein Storch und läuft noch über den jüngsten Schneidergesellen weg. Der ist schon längst über die Berge, und der Heinz, Donnerwetter, der steht da und hält Maulaffen feil! Vorwärts marsch, alter Esel, hinüber nach Gartow und die Excellenz herausgehauen! Ich habe Urlaub und kann gehen, wohin es mir beliebt.”

Er griff wieder nach den Pistolen, in deren mit Silber beschlagenen Schäften die fürstlich dessauische Krone eingraviert war.”Hm; aber so kann ich doch unmöglich fort! Die Dorchlaucht ist als Viehhändler hinüber; das ist das beste, das kann ich auch. Herunter mit den Gamaschen; ich ziehe die langen Stiefel an; einen blauen Kittel habe ich auch, und eine Peitsche kann ich in jedem Seilerladen haben. Also vorwärts, Heinz, und drauf auf die Hallunken, wie damals auf die Baiern und Franzosen, nämlich ich und die Dorchlaucht Anno Vier!”

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     
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